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Poetic 5 — mit Ronald Kah

24. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Sept.

Fünf poetische Fragen über Musik, Erinnerung und die Melodien, die bleiben.




Musician and composer Ronald Kah
Ronald Kah, Photo Credit: Cursed Runes



Manche Melodien begleiten einen Film.

Andere bleiben bei uns, lange nachdem die letzte Szene vorbei ist.


Für Ronald Kah ist Musik beides:

Flucht und Verbindung.


Ein Ort, an dem Emotionen Ausdruck finden können —

und gleichzeitig eine Sprache, die Menschen zusammenbringt.


In seinen Antworten spricht er über die Filmmusik, die ihn bis heute prägt,

darüber, warum er sich Melodien inzwischen wie Menschen

mit einer eigenen Persönlichkeit vorstellt,

und über das vielleicht schönste Kompliment für einen Komponisten:


Wenn seine Musik in der Erinnerung eines anderen Menschen weiterlebt.


Willkommen zu Poetic 5 —

mit Komponist und Musikproduzent Ronald Kah.





Gibt es einen Soundtrack oder einen Moment in der Musik,

der dir nicht nur im Gedächtnis geblieben ist —

sondern etwas in dir verändert hat?


Eine wirklich schwierige Frage, da mich viele Soundtracks

über die Jahre in irgendeiner Form bewegt haben.


Aber wenn ich einen herauspicken müsste, wäre es die Filmmusik von Jurassic Park.

Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass ich als Kind ein großer Dinosaurier-Fan war.

Auf der anderen Seite ist die Filmmusik von John Williams

für mich in sämtlichen Szenen so auf den Punkt komponiert,

dass sie mich bis heute prägt. Für mich ist das Peak-Filmkomposition.


Nehmen wir zum Beispiel die Brachiosaurus-Szene.

In dem Moment, in dem der Dinosaurier

in seiner ganzen Pracht und Majestät zu sehen ist,

erreicht auch die Musik ihren Höhepunkt.


Und obwohl ich diese Szene mittlerweile unzählige Male gesehen und gehört habe,

schafft sie es bis zum heutigen Tag, bei mir Gänsehaut zu erzeugen.





Du hast die Melodie einmal als Hauptfigur eines Stückes beschrieben — als „den Menschen im Song“ — und die Akkorde als das Bühnenbild darum herum. Das klingt nach jemandem, der Geschichten erzählt, anstatt einfach nur Musik zu schreiben.

Woher kommt diese Art, über Musik nachzudenken?


Das hat sich eher entwickelt und war ein langwieriger Prozess.


Früher habe ich sehr verspielte Melodien komponiert,

die vielleicht schön klangen, aber entweder schwer zu merken

oder kaum von einem Menschen mitzusingen waren.

Es klang dann einfach nicht natürlich.

Ich glaube, ich habe Melodien früher zu funktional gesehen.


Heutzutage stelle ich mir immer einen Menschen oder eine bestimmte Persönlichkeit vor, der oder die diese Melodie als seine oder ihre Geschichte erzählt.

Dadurch versuche ich, einer Melodie mehr Persönlichkeit

und einen eigenen Charakter zu geben.




Musician and composer Ronald Kah
Ronald Kah, Photo Credit: Flora Ecuanora



Was bedeutet Kunst für dich — nicht als Beruf,

sondern als eine Art, sich durch die Welt zu bewegen?


Musik ist für mich Flucht und gleichzeitig eine Verbindung zur Außenwelt.


Flucht in dem Sinne, dass ich beim Musizieren und Komponieren

ganz ich selbst sein kann und meine Emotionen ausdrücken und ordnen kann.

Musik gibt mir dabei auch Sicherheit, weil sie mir eine Harmonie gibt,

die im Alltag nur sehr selten vorhanden ist.


Gleichzeitig ist Musik für mich eine Verbindung.

Durch sie habe ich viele Menschen kennengelernt

und konnte Menschen inspirieren, die wiederum mich inspiriert haben.


Früher habe ich in meinem Kämmerlein für mich Musik gemacht.

Heute ermöglicht mir die Musik den Kontakt zu anderen Menschen.


Und genau das ist für mich ein sehr wichtiger Teil von Kunst:

Sie gibt einem die Möglichkeit, etwas sehr Persönliches von sich

nach außen zu tragen und dadurch mit anderen Menschen in Verbindung zu treten.





Musik kann so sehr Teil unseres Lebens werden,

dass wir sie jahrelang mit uns tragen.

Wie fühlt es sich an, etwas zu schreiben,

das in der Erinnerung eines anderen Menschen weiterlebt?


Ich denke, wenn man jemanden auf diese Weise mit seiner Musik berührt,

ist das mit das höchste Gefühl, das man als Komponist erreichen kann.


Zu wissen, dass meine Musik jemanden so sehr bewegt, dass sie

vielleicht sogar Teil einer Erinnerung wird oder

in Gedanken weiterlebt, ist für mich etwas ganz Besonderes.


Es gibt eigentlich kein schöneres Kompliment dafür,

dass man seine Arbeit gut gemacht hat.





Ronald Kah, Komponist und Musikproduzent. Photo Credit: Flora Ecuanora
Ronald Kah, Komponist und Musikproduzent. Photo Credit: Flora Ecuanora




Was bedeuten Liebe und Menschlichkeit für dich?

Und gibt es einen Menschen, eine Organisation oder eine Sache,

die dir besonders am Herzen liegt?


Ich finde, beides ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.


Wir sollten uns nicht nur auf die Wirtschaft und den technischen Fortschritt fokussieren.

Ich persönlich versuche, in meinem näheren Umfeld Liebe,

Empathie und Inspiration zu geben.

Das sind Dinge, die ich selbst beeinflussen kann.


Wenn es um eine Organisation geht, die genau das für mich verkörpert,

dann ist es mein Chor, der Chor International Potsdam.


Wir sind eine bunte Gruppe, jung und alt, hier Geborene und Zugezogene.

Unabhängig von Kultur, Religion, Hautfarbe oder Lebensweg

haben wir eine gemeinsame Sprache —

und das ist die Musik.


Ich finde das fantastisch.





Die Frage zurück

Am Ende jedes Poetic-5-Gesprächs tauschen wir sanft die Rollen.

Unser Gast stellt eine Frage zurück.

Dieses Mal fragte mich Komponist und Musikproduzent Ronald Kah:


„Wenn dein Leben ein Film wäre, welche Musik würde gerade im Hintergrund laufen —

und was glaubst du, haben ein gutes Gedicht und eine gute Melodie gemeinsam?“



Meine Antwort:

Ich glaube, genauso wie uns das Leben mit ganz unterschiedlichen Emotionen

und Situationen begegnet, würde sich auch der Soundtrack meines Lebens

immer wieder verändern.


Da wäre wunderschöne Pianomusik für die stillen Momente —

für die Augenblicke, in denen sich meine Kreativität entfalten kann

und ich mich ganz im Schreiben verliere.

Aber da wären genauso Pop, Rock und ganz besonders Musik aus den 80ern.

Musik, die mich motiviert, Emotionen transportiert, positive Energie schenkt —

und manchmal einfach dazu einlädt, zu tanzen.


Und was ein gutes Gedicht und eine gute Melodie gemeinsam haben?

Für mich werden beide aus etwas erschaffen, das tief aus dem Herzen kommt.

Vielleicht können sie uns gerade deshalb so tief berühren.


Sie wecken Gefühle. Sie verbinden Menschen.

Und trotzdem trägt jeder von uns etwas Eigenes darin —

eine Erinnerung, einen Menschen, einen Moment, eine kleine Geschichte.


Vielleicht ist genau das die besondere Kraft von Worten und Melodien:

Sie können viele Menschen gleichzeitig berühren —

und für jeden etwas ganz Eigenes bedeuten.

Denn Gefühle sind ein Teil dessen, was uns alle zu Menschen macht.

Vielen lieben Dank, für diese wunderschöne und inspirierende Frage, Ronald.




Ein abschließender Gedanke


Manche Musik begleitet einen Moment.

Andere wird ein Teil davon.


Sie bleibt mit einer Szene verbunden,

mit einer Erinnerung,

mit einem Gefühl.


Was uns aus Ronalds Antworten besonders geblieben ist,

ist seine Vorstellung von Musik als etwas zutiefst Menschlichem.


Eine Melodie als Persönlichkeit.

Musik als Flucht —

und gleichzeitig als Verbindung.


Und vielleicht liegt genau darin ihre besondere Kraft:

Etwas sehr Persönliches entsteht in einem Menschen

und findet seinen Weg zu einem anderen.


Manchmal bis ins Kino.

Manchmal in einen Chor.

Und manchmal in eine Erinnerung,

die noch Jahre später Gänsehaut auslöst.

—




Lieber Ronald,
vielen Dank, dass du deine Gedanken über Musik,
Kunst und Menschlichkeit so offen mit uns geteilt hast.

Besonders schön finde ich den Gedanken,
dass Musik gleichzeitig ein Ort sein kann, an den wir uns zurückziehen —
und etwas, das uns wieder miteinander verbindet.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Eigenschaften von Kunst.
Dass etwas ganz Persönliches plötzlich etwas Gemeinsames werden kann.

Danke für deine inspirierenden Antworten,
deine wunderschöne Frage zurück —
und dafür, Teil dieser Poetic-5-Begegnung zu sein.

Von Herzen,
Sabrina
Poet · Spoken Word Artist ·
Host & Founder of Lyrmotion™






About Poetic 5
Not interviews. Encounters.
Poetic 5 is a series of poetic conversations
with people who inspire us —
about life, feeling and what makes us human.

Five poetic questions.
One question back.
And in between — the person behind the story.
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